Wollarium

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Friday, October 23, 2015

Nimm eine Auszeit, lies ein Buch, nicht zwingend in Kiel


Es ist noch nicht lange her, da hätte ich mir nie vorstellen können, dass es einmal eine Zeit geben würde, in der ich keine Bücher lese.
Ich habe lesen gelernt, lange ehe ich in die Schule kam, und von da an las ich buchstäblich alles, was mir in die Finger geriet. Comics, Zeitschriften, Kochrezepte und Kalendertexte, aber vor allem natürlich Bücher. Ich las, wenn ich eigentlich Hausaufgaben machen sollte, ich las beim Essen (wenn gerade mal niemand da war, der etwas dagegen hatte) und natürlich unter der Bettdecke. Einmal scheiterte sogar eine Beziehung nicht zuletzt daran, dass ich vor dem Einschlafen las und den anderen das Licht störte. Ich konnte mich nicht dazu durchringen, auf die Bücher zu verzichten.

Hach, Bücher! In fremde Geschichten eintauchen, andere Leben miterleben, und so viel Neues kennenlernen. Lernen eben. Eine unendliche, unerschöpfliche Welt.

Und dann, anfangs fast unbemerkt, ließ das nach. Es schien nicht mehr so viele gute Bücher zu geben, denn nur noch selten zog eine Geschichte mich so völlig in ihren Bann, wie ich es gewohnt war, das fand ich enttäuschend und beäugte den nächsten Band, den ich vielleicht kaufen wollte, doppelt misstrauisch. Dann war da noch die Lesebrille, die aus unerfindlichen Gründen eine störende Wand zwischen mich und mein Buch zu schieben schien - was vielleicht aber auch nur daran lag, dass es sich so schlecht mit dem Buch auf der Seite liegen ließ, wenn die Brille dann auf der Nase verrutschte und der Bügel am Ohr drückte ...

Und es gab das Internet. Überwältigende Mengen an Informationen auf kleinstem Raum, Nachrichten, Fakten, und auch Lebensgeschichten. Klicken, scrollen, überfliegen, hier und da festlesen, ein schneller Fluss, eine ständige Verfügbarkeit. Faszinierend. Ich gebe zu, ich bin ein Internet-Junkie.
Gelesen habe ich nur noch Sachbücher, die ich für den Job brauchte. Ganz, ganz selten verirrte sich einmal ein Roman dazwischen, und wenn, dann nie etwas wirklich Großes. Literarisches Fast Food.
Und wie bei Fast Food üblich, meldete sich zwischendurch das schlechte Gewissen: Das ist nicht gut. Das geht auch besser.

Im Sommer tat ich den ersten Schritt zurück in ein besseres Leseleben, zaghaft noch. Mit Fontane. "Der Stechlin". Stand schon seit Jahrzehnten hier im Regal, ungelesen, der Nachzügler einer eigentlich damals schon abgeschlossenen Phase. Ein Roman, in dem kaum etwas passiert, nur Menschen, die sich begegnen, sich wieder trennen, und dazwischen miteinander reden. Lange Gespräche, auf die die Leserin sich einlassen muss. Aber wunderbarerweise funktioniert das. Ganz plötzlich verschwindet die Hast aus dem Denken. Sich auf den langsamen Rhythmus einstellen, dem Tempo des Erzählens folgen, das ist wie Tai Chi - ein ruhiger, gleichmäßiger Fluss, der Körper und Geist gleichermaßen entspannt.
Ich habe den Roman nicht zu Ende gelesen, Ein Abgabetermin kam dazwischen, und andere Texte mussten gelesen werden. Aber ich war auf den Geschmack gekommen.

Jetzt war ich vor ein paar Tagen in Kiel. Nur als Begleitung, ich hatte überhaupt nichts zu tun dort, den Laptop hatte ich zu Hause gelassen für die paar Tage. Ich dachte, ich bummle ein bisschen an der Förde herum. Das Wetter war allerdings sehr norddeutsch - also grau und feucht, und meine Ausflüge führten nicht wesentlich über den nächsten Teeladen hinaus. In der kleinen Ferienwohnung aber war uns gleich ein großes Regal voller Bücher ins Auge gefallen, von denen ich einige schon lange mal lesen wollte, aber es natürlich nicht getan hatte. Vor diesem Regal richtete ich mich für zwei Tage ein. Mit einer großen Kanne Tee, einem Blick in den grünen Garten, und mit einem Buch.
Was soll ich sagen? Es war fantastisch. Ich weiß jetzt wieder, wie sich eine Auszeit nehmen lässt, ohne dass ich wegfahren müsste - sozusagen ein Wellnessurlaub an einem Nachmittag. Lesen. Etwas, das mich wirklich interessiert. Kein Fast Food. Lesen mit Tee. Tee schmeckt übrigens weitaus besser, wenn er auf dem Stövchen warmgehalten wird, als in einer Thermoskanne, das hatte ich inzwischen auch vergessen. Also Lesen mit Tee vom Stövchen. Vielleicht wieder in Kiel, muss aber nicht. Schlechtes Wetter haben wir in Berlin auch :)


4 comments:

  1. Und wieder - es kommt mir alles so bekannt vor. Verwandte Seelen, ganz klar :-)

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  2. Ich wusste doch, dass das Internet für irgendetwas gut ist - schön, dass wir uns irgendwie 'getroffen' haben :-)

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  3. Ach, das klingt wie eine sehr gute Zeit!
    Ich werde ganz kribbelig, wenn ich nichts zu lesen habe. Allerdings ist das Stricken immer eine harte Konkurrenz. Lesen und Stricken leiden beide untereinander bei "spannenden" Büchern & Projekten. Liebe Grüße, Zuzsa

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  4. Ja, ich hatte vergessen, wie einfach es sein kann, sich für ein paar Stunden eine Auszeit zu nehmen. Lesen und Stricken gleichzeitig hab ich auch schon ausprobiert, aber das wird nichts Halbes und nichts Ganzes. LG aus dem hohen Norden der Stadt :)

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