Wollarium

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Friday, July 10, 2015

Hollywoods Kostüme oder Was macht Glenn Miller in den 50er Jahren?


Es gab einmal eine Zeit, da habe ich viel Swing Musik gehört: Count Basie, Benny Goodman, Glenn Miller ... Dann kamen andere Dinge, aber den eigentlich schon vergangenen Stilen bin ich ja durchaus treu geblieben, nicht nur in der Musik. Und seit ich nun ein paarmal Filmkostüme stricken durfte - also, das, was davon Strickkleidung ist - achte ich ganz automatisch viel mehr auf Kostüm und Ausstattung, als ich das vorher getan habe.

Um auf den Punkt zu kommen: Vor ein paar Tagen habe ich mir "The Glenn Miller Story" angesehen, mit James Stewart in der Titelrolle. Irgendwann in grauer Vorzeit hatte ich den schon mal gesehen, konnte mich aber nur noch vage an die Musik und eine Liebesgeschichte erinnern. Die Liebesgeschichte ist tatsächlich das, was den Film strukturiert: Die zwischen James Stewart alias Glenn Miller und June Allyson als seine Frau Helen. Und drumherum entwickelt sich der kleine Musiker Glenn zu dem Mann, der den einmaligen Stil der Glenn-Miller-Band so weltbekannt machte.

Die Handlung setzt ein, wenn die geneigte Zuschauerin das richtig konstruiert hat, in den Zwanziger Jahren, als der junge Glenn wenige Jahre nach seinem Abschluss seine Jugendliebe wiedertrifft, und wird dann fortgesetzt, als man in Harlem den Gin noch aus Tassen trank. Das müsste dann gegen Ende der Prohibitionszeit gewesen sein. Die immer noch geneigte Zuschauerin bemühte für diese Information, was selten vorkommt, das Lexikon, um nicht extra das Internet zu befragen: die Prohibition endete 1933, passt also. Etwas später stellen sich beim umtriebigen Musiker erste Erfolge ein - die Kennerin erinnert sich, dass das Ende der Dreißiger Jahre gewesen sein muss -, etwas später zieht der Held der Geschichte in den Krieg - um 1940 - und schließlich verschwindet sein Flugzeug mit ihm an Bord auf der Strecke zwischen London und Paris irgendwo im Kanal, damit müssen wir im Dezember 1944 sein.

Ich weiß nicht, ob es aus meinen Formulierungen bereits zu erkennen ist: Die "Glenn Miller Story" deckt einen Zeitraum von ungefähr 15 Jahren ab, versteht das aber recht geschickt zu verbergen. Dieser Film vollbringt nämlich das Kunststück, den Zeitenwechsel überhaupt gar nicht in den Kostümen zu zeigen. June Allyson trägt fast den ganzen Film über einen Stil, der ganz entschieden an Diors New Look erinnert: die weiten Röcke mit den vielen Petticoats, die schmale Taille, die Schuhe mit den hohen, schmalen Absätzen - alles perfekter 50er-Jahre-Stil, vollkommen egal, ob sie gerade das College-Girl aus den späten 20ern darstellt, die junge Frau in den frühen Dreißigern oder die Witwe, die 1944 Weihnachten ohne ihren Mann verbringen muss. Auch in den Szenen, in den sehr viele Menschen zur Musik tanzen, sehen wir ausschließlich die Mode von 1955, als die Glenn-Miller-Story gedreht wurde. Wie ausgesprochen befremdlich!

Natürlich sind die Kostüme in Filmen immer Gemische aus dem, was zu der Zeit getragen wurde, in der die Geschichte spielt, und dem, was modern war, während der Film gedreht wurde. Besonders schön, wenn Rokoko-Kostüme auf Frisur und Make-Up aus den 60er oder 70er Jahren trafen, wie etwa bei den Musketier-Filmen - erinnert sich jemand an Geraldine Chaplin und Faye Dunaway? Aber in so einer Reinkultur wie hier habe ich das noch nie vorher gesehen. Die überzeugendste Erklärung, die ich dafür finden konnte, ist, dass das Studiosystem für seine Stars nicht nur ein ganz bestimmtes Image, sondern auch einen ganz bestimmten Stil erschaffen hatte, und jemand wie June Allyson musste diesen Stil tragen, ganz egal, wen sie darstellen sollte. Und so kommt es zu solchen filmhistorischen Stil-Blüten. Glenn Miller in der Mitte der Fünfziger Jahre - da war der Meister bereits mehr als zehn Jahre tot. Was für ein Stilbruch!

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