Wollarium

Wollarium

Friday, July 31, 2015

Alte Zöpfe?


Der alte Zopf ist ab.
Das heißt, ich habe eine neue Frisur, oder eigentlich nur einen knappen halben Meter weniger Haar. Was eigentlich keinen Blogeintrag wert wäre, wenn ich dabei nicht ständig an die Sache mit den alten Zöpfen und deren Abschneiden denken müsste. Das hat mit den Überlegungen zu tun, die Michou wie immer sehr schön beschreibt, und die Zuzsa in ihrem Blog aufgreift: Was will ich, und wohin überhaupt?
Denn ich  hatte mir eigentlich vorgenommen, meine langen Haare zu behalten, und auch wenn sie mal schlohweiß sind, noch wallende Locken zu pflegen, gerade weil das noch immer ein seltener Anblick ist. Ab irgendeinem Alter haben Frauen nämlich keine wallenden Locken mehr zu tragen. Angeblich macht das alt, aber ich habe immer den Eindruck, dass sich das irgendwie auch nicht gehört. Früher war ein Mädchen erwachsen, wenn es sich das Haar aufstecken musste. So sehr viel weiter scheinen wir seither gar nicht gekommen zu sein, wenn ich mich so umsehe. Jedenfalls hat kaum eine Frau jenseits der 40 langes Haar. Abgesehen von einer meiner Tanten vielleicht - aber die ist etwas exzentrisch. Das bin ich nicht. Jetzt habe ich sie aber doch abgeschnitten - die Haare, nicht die Tante. So ist das mit den Plänen. Ich nehme mir etwas vor - und entscheide dann doch ganz anders.

Etwas exzentrisch bin ich aber wohl schon. Ich habe gern Kleidung, die nicht jede hat. Das zieht sich wie ein roter Faden durch mein ganzes Leben. Angefangen hat das alles mit den Zeitschriften meiner Großtanten. Die waren, als ich sie entdeckte, schon sehr alt, diese hier ist von 1957. Da war dieses Kleid ...


Dieses Kleid hier wollte ich als Kind immer gern haben, auch wenn ich vermutlich nie einen Anlass gehabt hätte, es zu tragen. Egal. Ich hätte es damals sowieso noch nicht nähen können. Später, als Teenager, kamen dann die Röcke und Oberteile, die ich gern haben wollte, die es aber im Laden nicht gab. Mühsam von Hand gesäumte Tellerröcke und weiße Faltenröcke im Zwanziger-Jahre-Stil, weil meine alte mechanische Maschine nur ganz einfache Stiche konnte, nichts mit Zickzack. Irgendwann begann ich, Jacken aus den 30er oder 40er Jahren zu stricken, konnte die verkaufen, wurde gefragt, wie es kommt, dass ich so den Trend getroffen habe. Habe ich gar nicht, ich verfolge eine Idee und mache das, was mir gerade richtig erscheint. Und ab und zu streift der Trend mich. Manchmal aber auch nicht. Vintage ist so ein Trend, von dem ich meine, dass es ihn schon immer gab, aber das ist schon wieder ein anderes Thema. Jedenfalls, Vintage-Mode ist durchaus meins.

Trotzdem ist es kein Gebot für mich, nur Vintage Mode zu tragen, oder gar nur Mode aus einer bestimmten Epoche. Ich habe auch das eine oder andere Stück, das ich einfach so von der Stange gekauft habe. Aus meiner Zeit als Studentin gibt es Fotos, auf denen ich aussehe wie die Schwester von Mary Poppins, inklusive Hut und Schnürstiefeletten, frisch aus der Zeit kurz nach Queen Victoria.





















Oder, frei nach Louise Brooks und "Beggar's Of Life", wenn ich mich recht erinnere - die Hose war übrigens nur knielang, und dazu gab es ebenfalls Schnürstiefelchen.

Ich hatte aber auch lange Lederhosen und schwarze Minis zu lila oder rotkarierten Strumpfhosen. Ein großer Fan von Jeans bin ich allerdings nie gewesen, und Sweatshirts habe ich nur für den Sport.

Allerdings finde ich es zunehmend schwerer zu erkennen, was zu mir passt und was nicht. Die Jahre mit Familie und Kindern haben wenig Zeit gelassen, den eigenen Veränderungen zu folgen und ein klares Bild von mir selbst zu behalten. Mit den vielerlei Alltagsdingen beschäftigt, verging mehr Zeit, als mir bewusst war - und hoppla, auf einmal bin ich hier. So musste ich quasi ein Leben lang darauf achten, nicht zu dünn zu werden, und habe erst nach dem 40. Geburtstag regelmäßig mehr als 50 kg bei einer Größe von 166 cm auf die Waage gebracht - die Schwangerschaften mal nicht gerechnet, aber da waren wir ja auch immer zu zweit. In den letzten Jahren musste ich mich daran gewöhnen, dass sich das verändert. Etwas mehr Gewicht gefällt mir an mir - nur ist das nicht das Ich, an das ich mich über Jahrzehnte gewöhnt hatte. Jedenfalls nicht äußerlich. Innerlich verändert sich komischerweise erstaunlich wenig. Eine unerwartete Beobachtung, aber ich werde auch zum ersten Mal älter.

Zum Glück stehe ich damit ja nicht allein. In Deutschland gab es die so genannten geburtenstarken Jahrgänge, die reichten bis 1969, der Jahrgang mit der höchsten Babyanzahl war 1964. Eine große Menge Menschen wird also demnächst 50 oder ist es schon. Wird das Auswirkungen haben auf den Jugendkult? Das werden wir sehen. Definitiv gibt es Veränderungen, und es ist interessant, das nicht allein zu erleben. Da es so viele Menschen in dieser Altersgruppe gibt, setzen sich auch so viele mit dem Älterwerden auseinander, jeder auf seine eigene Art.

Ich finde zum Beispiel interessant, dass so oft der Satz zu lesen ist: Ich möchte nicht nochmal jünger sein. Diesen Satz habe ich immer wieder hin und her gewendet, bis ich ganz sicher sein konnte: also, ich schon. Ich wäre gern nochmal jünger. Ich wäre nicht gern noch einmal 15 oder 17 - niemand von klarem Verstand möchte nochmal ein Teenager sein, jedenfalls kenne ich niemanden. Aber 25 oder 35 würde ich sofort nehmen. Und nicht etwa mit dem Zusatz, den meine Mutter bei solchen Überlegungen immer verwendete: Aber nur mit dem Wissen von heute. Nein, ruhig ohne das. Und ich würde nicht mal etwas Wesentliches anders machen wollen. Ich hätte nur gern nochmal mehr Zeit. Wenn ich wirklich etwas ändern könnte, dann würde ich die Dinge leichter nehmen. Diese Art von Leichtigkeit hat nichts mit Leichtsinn zu tun oder Leichtfertigkeit. Nur werden Dinge mit den Jahren einfach schwerer, schwergewichtiger, existentieller. Jetzt muss ich alles also leichter nehmen, sonst würden ich erdrückt werden. Damit hätte ich schon viel früher anfangen sollen ... aber das ist schon wieder ein anderes Thema. Also, die Haare sind ab, obwohl ich das eigentlich gar nicht vorhatte. Mal sehen, was als nächstes kommt ...

4 comments:

  1. Wieder einmal viele kluge Sätze und unglaublich viele Punkte, bei denen ich heftig nickte, weil es bei mir genauso war oder mir das Geschilderte so logisch erscheint.

    Lustig übrigens: das Bild mit Schiebermütze und Hemd ließ mich noch vor dem Weiterlesen an Louise Brooks denken, denn erst vor einer Woche hatte ich ihr Buch in der Hand (beim Aufräumen) und es öffnete sich bei diesem Bild. Für mich war beim Anblick deines Bildes klar, es müsse sich um knielange Hosen handeln :-D

    ReplyDelete
    Replies
    1. Louise begleitet mich schon ziemlich lange. Die Hose war übrigens aus braunem Samt und ursprünglich normal lang, die wurde dann grob gekürzt ;)
      Manche Themen liegen wohl einfach in der Luft, und wenn da noch ein Anstoß von außen dazukommt ... Mary Poppins übrigens beschäftigt mich auch schon wieder eine Weile, indirekt - wegen der Sufragetten, denen ich mich im Moment phasenweise sehr nahe fühle. Das Wahlrecht haben Frauen zwar inzwischen, aber ansonsten hätte ich durchaus noch ein paar Verbesserungsvorschläge ... So führt eins zum anderen :)

      Delete
  2. Ach, genau das habe ich mir auch vorgenommen, lange Haare zu tragen, wenn ich alt bin. Das weiß ich zumindest jetzt schon: lila und kleine Löckchen werden wohl nie mein Stil ;)
    Schöner Artikel, habe ich mit Freude gelesen! Liebe Grüße, Zuzsa

    ReplyDelete
  3. Dankeschön, da sind wir ja schon zu zweit. Wobei: mit Lila könnte ich mich vielleicht noch anfreunden, ich hatte schon ganz andere Farbversuche ;) Schönes Wochenende!

    ReplyDelete