Wollarium

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Thursday, June 25, 2015

Bücher über Vintage Mode - heute "The Lost Art Of Dress" von Linda Przybyszewski

Das eigentlich Schöne an Projekten, die sich mit der Mode vergangener Zeiten beschäftigen, ist immer wieder die damit verbundene Recherchearbeit. In der letzten Zeit waren es für mich die Strickmode der Zwanziger Jahre (Filmkostüme) und der Dreißiger (Vortrag), die mich dazu brachten, mich mal wieder auf dem Buchmarkt umzusehen. Schließlich sind es die Details, die den Stil einer ganz bestimmten Ära ausmachen, und das bezieht sich nicht nur auf den Schnitt, sondern auch auf Zeitumstände. Ich lese mich daher immer gern ein über das Alltagsleben vor allem der Frauen in der jeweiligen Epoche. Mode ist schließlich immer ein Teil der Alltagskultur.
Bei einigen neueren Büchern  konnte ich nicht widerstehen und haben sie gekauft. Und davon sind einige interessant genug, hier kurz vorgestellt zu werden. Der deutschsprachige Markt bietet da allerdings immer noch wenig (warum eigentlich)? Die meisten Bücher sind auf Englisch geschrieben und liegen nicht übersetzt vor.
 

Die "Dress Doctors" - Hilfe in allen Kleiderlagen

Sehr neugierig machte mich das Buch "The Lost Art Of Dress" von einer amerikanischen Autorin, die ihr Interesse an Mode und offenbar auch die Fähigkeit, selbst zu schneidern, mit einer akademischen Ausbildung verbindet. Das klang nach interessant präsentiertem, gut recherchiertem Fachwissen, verbunden mit bodenständiger Praxis. Und das schöne Cover mit einem Schutzumschlag aus Papier war auch gelungen. Dieses Buch steht also jetzt bei meiner "Fachliteratur".
 
 
Linda Przybyszewski ist, wenn ich ihre Biographie richtig deute, in den frühen 60er Jahren geboren und hat eine Stelle als Professorin für Amerikanische Geschichte an der University of Notre Dame im amerikanischen Bundesstaat Indiana inne. Ihr Buch "The Lost Art Of Dress" erschien 2014 und widmet sich dem, was die Autorin als die verlorene Kunst, sich richtig zu kleiden, empfindet. Es erzählt von den Frauen, die vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten die Kunst, sich richtig zu kleiden, an Schulen oder Colleges unterrichteten, Artikel darüber schrieben oder sonst als meinungsgebende Instanz bekannt waren. Die Autorin bezeichnet diese Frauen als "Dress Doctors". Die Dress Doctors konnten schneidern, nähen, stricken, kannten sich in Stilfragen aus und wussten Rat in allen Belangen der Kleidung. Wer hier detaillierte Hinweise darauf sucht, was in welcher Zeit zu welchem Anlass getragen wurde oder gar einen Blick in den Kleiderschrank der eleganten Lady aus den 30er Jahren erhofft, wird leider enttäuscht sein. Ebensowenig gibt es Anleitungen oder Schnittmuster. Aber das Buch enthält durchaus einige Bilder und Zeichnungen, die nicht nur die jeweilige Mode repräsentieren, sondern auch Hinweise zu Stil und Kleidung geben, wie sie damals als wichtig angesehen wurden.
 

Hut oder Schuh? 

Der Schreibstil ist insgesamt durchaus unterhaltend, und einige persönliche Einflechtungen der Verfasserin zeigen, was sich in den letzten Jahrzehnten in der Mode verändert hat, ohne dass es uns besonders auffiel. So schreibt Linda Przybyszewski , dass in früheren Jahrzehnte das Augenmerk in der Mode stets auf das Gesicht gelenkt werden sollte. Eine Dame, die auf sich hielt, besaß daher eine Vielzahl an Hüten, denn der Hut umrahmte das Gesicht, natürlich je nach Form, möglichst vorteilhaft. Dass Frauen heute (Achtung, Klischee!) kaum noch Hüte, dafür umso mehr Schuhe kaufen, hat etwas mit unserem egozentrischen Selbstverständnis zu tun: die Schuhe sind fast der einzige Teil unserer Garderobe, den wir ohne Spiegel selbst sehen können .... Dieser Betrachtung müssen wir uns nicht unbedingt anschließen, aber sie ist doch immerhin so interessant, dass ich jedes Mal, wenn ich überlege, welche Schuhe ich jetzt am besten anziehe, daran denken muss.
 

Lässigkeit, Gleichgültigkeit oder Liberalisierung ...

Nicht alle Thesen in diesem Buch sind ähnlich unterhaltsam. Zuweilen vertritt die Autorin ihre Ansicht, dass die Frauen von heute sich nicht mehr zu kleiden wissen und damit fast ständig das Auge beleidigen, etwas zu deutlich. Ja, Jogginghosen werden überschätzt, keine Frage. Und ich persönlich finde auch, dass Röcke, die ich viel lieber trage als Hosen, weil sie bequemer sind, mehr Bewegungsfreiheit bieten und es egal ist, wie luftig oder wie warm alles darunter eingepackt ist, ein weithin unterschätztes Kleidungsstück sind.  Immerhin aber genießen wir heute in der Wahl unserer Kleidung eine Freiheit, die unsere Mütter und Großmütter sich sicher manchmal gewünscht hätten. Es ist egal, ob wir uns für Rock oder Hose entscheiden, und ob diese dann blau, schwarz oder kariert sind. Das ist eine Liberalisierung, das nicht genug gelobt werden kann. Da nehme ich doch auch mal eine Sweathose zuviel in Kauf.
 

Fazit:

Wer also gern konkrete Anleitungen mit Schnitten, Farben und Formen in Händen hält, wird in diesem Buch nicht viel Hilfreiches finden. Wer aber gern etwas darüber erfahren möchte, wie in den USA des früheren 20. Jahrhunderts im Alltag und nicht etwa in der Haute Couture Stil und Mode definiert, gemacht und bestimmt wurden, findet in diesem Buch bestimmt interessante Lektüre. Auf einer Skala von 1 bis 10 würde ich hier 6 Lesepünktchen geben.

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